MisplacedWomen?

Posts Tagged ‘Befreiungsdenkmal’

Code Contribution by Li Fu

In Innsbruck, Performances, Workshops on March 4, 2019 at 1:18 pm

‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’

35 min. Performance von Li Fu

Das Befreiungsdenkmal am Eduard-Wallnöfer-Platz (vormals Landhausplatz), Innsbruck, Mai 2018

Das Befreiungsdenkmal(*1), auf welchem Widerstandskämpfende namentlich genannt werden, die einen Einsatz gegen den Nationalsozialismus geleistet haben, ist ein wichtiger Ort in Innsbruck. Mit dem Wissen um die historischen Ereignisse dieser Zeit, erhält eine Aussage – ‘Ich habe ja nichts zu verbergen!’- eine weitere Dimension. 

Beschreibung:

Eine Person mit einem Rucksack positionierte sich auf einer Seite des vor ihr liegenden Brunnens. Das Ziel des ‘Transparent-Werdens’, welches den Beweis liefern sollte, dass sie wirklich nichts zu verbergen hat, lag nun auf der anderen Seite. Um das Ziel zu erreichen, musste sie daher den Brunnen überqueren. Dabei führte sie genau eine Linie zu dem Punkt, also zu der Position im Raum, an der das Private nun Öffentlich, also Transparent werden sollte. Sie folgte der vorgegebenen Linien, aber damit sie nicht zu nass wurde, mussten vorab Vorkehrungen getroffen werden. Daher gab es eine Schutzvorrichtung für den Rucksack in Form eines spezifischen Regenschutzes und eine Schutzvorrichtung für den Körper in Form eines Regenschirms. Der Rucksack war vollkommen umhüllt und wurde nicht nass. Der Körper versuchte sich mit dem Regenschirm vor dem sich bewegenden Bewässerungssystem zu schützen. Das Bewässerungssystem folgte bestimmten Mustern, die vorab von der Person, die  den Brunnen überquerte, beobachtet wurden. Sie wartete den Zeitpunkt ab, wo die Wahrscheinlichkeit am geringsten war, dass sie mehr als notwendig nass wurde. Das Nass werden, konnte nicht vollkommen vermieden, sondern lediglich begrenzt werden. 

Li Fu: ‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’, Befreiungsdenkmal, “Misplaced Women?” Project Workshop, Art in Public Space Tyrol, 2018. Photo: Daniel Jarosch. Copyright: Tanja Ostojić

Am Ziel angelangt entnahm sie aus der am leichtesten zugänglichen Abteilung (der ersten Schicht) des Rucksacks, also aus dem vordersten Fach ohne Reißverschluss, das Codierungsinstrument ‘Kreide’. Damit wurde der ‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’ auf den Stufen geschrieben. 

In einem gemäßigt kontrollierten Tempo wurden alle Gegenstände nacheinander dem Rucksack entnommen und erste Kategorien geschaffen. 

Li Fu: ‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’, Befreiungsdenkmal, “Misplaced Women?” Project Workshop, Art in Public Space Tyrol, 2018. Photo: Daniel Jarosch. Copyright: Tanja Ostojić

Alle Objekte wurden dem Rucksack entnommen.

Li Fu: ‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’, Befreiungsdenkmal, “Misplaced Women?” Project Workshop, Art in Public Space Tyrol, 2018. Photo: Daniel Jarosch. Copyright: Tanja Ostojić

Anhand des Codierungsinstruments ‘Kreide’ wurde den Gegenständen ein bestimmter Platz im System gegeben, indem sie mit der Kreide eingerahmt (Frame) wurden.

Li Fu: ‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’, Befreiungsdenkmal, “Misplaced Women?” Project Workshop, Art in Public Space Tyrol, 2018. Photo: Daniel Jarosch. Copyright: Tanja Ostojić

Das nicht vorhersehbare Element ‘Wind’, hatte einige Objekte zwar aus den ihnen zugeordneten Platz im System entfernt, aber sie wurden dennoch nicht vollkommen aus dem System gelöscht, da die Spuren durch die vorhergehende Umrahmungen (Frames) anhand des Codierungsinstruments ‘Kreide’ sichtbar blieben. 

Li Fu: ‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’, Befreiungsdenkmal, “Misplaced Women?” Project Workshop, Art in Public Space Tyrol, 2018. Photo: Daniel Jarosch. Copyright: Tanja Ostojić


Nachdem alle Elemente ihr ‘framing’ hatten und auch ein ‘re-framing’ der vom Wind neu positionierten Gegenstände stattgefunden hat, wurden die Kategorien im System, je nach Zugehörigkeit, zu einer übergeordneten Kategorie zusammengefasst. Die Wechselwirkung wurde anhand von Pfeilen markiert.

In einem ersten Schritt wurden einige Kategorien benannt (allerdings blieb die Benennung in Kategorien unfertig).

Kategorie 1.0 Schutz des Körpers – direkt am Körper anliegend (Schutzkörper) – Jacke, Schal, Binden, Tampons

1.1. Schutz des Körpers – indirekt am Körper – Regenschirm

Kategorie 2.0 Nahrung – Studentenfutter, Pfirsich, magnesiumhaltiges Wasser, Kaffee

2.1. Leere Studentenfutter Packung

Kategorie 3.0 Pflege und Optimierung des Körpers – Handcreme, Make-Up, Lippenbalsam, Lippenstift, Lipgloss, Make-Up Spitzer (unbenutzt; Fabrikneu)

Kategorie 4.0 Schreibutensilien – Stifte, Kreide

hier endete die Kategorisierung und die Interaktion mit den Jugendlichen (jungen Erwachsenen) begann. 

Li Fu: ‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’, Befreiungsdenkmal, “Misplaced Women?” Project Workshop, Art in Public Space Tyrol, 2018. Photo: Daniel Jarosch. Copyright: Tanja Ostojić

Die Jugendlichen/jungen Erwachsenen wurden gefragt, was sie glauben würden, was das für eine Person sei, wenn sie die Gegenstände betrachten. Was sie über die Person denken würden, wenn sie die Gegenstände beispielsweise auf einem Facebook-Profil sehen würden. 

Die Jugendlichen (jungen Erwachsenen) bildeten verschiedene Kategorien: 

Mädchen- Grund: Tampons

Lehrerin – Grund : Kreide

Schülerin/Studentin – Grund: Lernunterlagen, Stifte

Eine sich gesund ernährende Person, aber auch ungesund – Grund: Obst, Studentenfutter, aber auch Filter für Zigaretten

Unzuordenbar war ein einzelner unbenutzter Drumstick, also „keine Schlagzeugerin, weil da müsstest du zwei haben“

Dann wurde über Data-Mining gesprochen und wie das damit zusammenhängt, dass ich ja nichts zu verbergen hätte, ob das so stimmt. Wie viel auf Facebook oder in den sozialen Medien über die eigene Person preisgegeben wird (im ‘virtuellem’ Raum) und wie das im ‘analogem’ Raum aussieht. 

Li Fu: ‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’, Befreiungsdenkmal, “Misplaced Women?” Project Workshop, Art in Public Space Tyrol, 2018. Photo: Daniel Jarosch. Copyright: Tanja Ostojić

Auch der Körper wurde vermessen. Daraufhin wurden alle Gegenstände entfernt, doch die Spuren bleiben im System. 

Li Fu: ‘Code: Ich habe ja nichts zu verbergen!’, Befreiungsdenkmal, “Misplaced Women?” Project Workshop, Art in Public Space Tyrol, 2018. Photo: Daniel Jarosch. Copyright: Tanja Ostojić

Konzeptionelle Einbettung:

Da für die Vorbereitung nur einige Stunden zur Verfügung standen, blieb die theoretische Umrahmung fragmentarisch und wird im Folgenden auch so dargestellt. 

Das Ziel des ‘Transparent-Werdens’, welches den Beweis liefern sollte, dass sie wirklich nichts zu verbergen hat, lag auf der anderen Seite der Linie. 

Die Linie wirkt hier wie ein Seil. „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über – einem Abrunde.“(*2) Hierin wollte eine Assoziation zum Transhumanismus(*3) geschaffen werden, wo der Mensch sich letztlich auch selbst überwinden soll. Das Bewässerungssystem folgt dabei einem vorab festgelegten Weg und der Mensch wird von diesem von Außen erfasst. Dabei gibt es relativ wenig Vorrichtungen, womit sich der Mensch hätte schützen können, nachdem der Weg eingeschlagen wurde. Die Vermessbarkeit begann bereits beim Betreten des ‘Seiles’ zuerst von außen und dann von ‘innen’. Der Mensch entscheidet den Pfad zu beschreiten und wird angehalten aus freien Stücken, aber durch einen gesetzten Rahmen, das vorgefertigte System zu durchqueren, um sich dann selbst der Transparenz zu verpflichten (Selbstführung), da er ja nichts zu verbergen hat. Am festgelegten Platz angekommen, erlangt der Mensch Entfaltungsmöglichkeiten und kann (soll) das innere preisgeben. Er bedient sich einer ‘Software’, der unter anderem ein ‘Betriebssystem’ zugrunde liegt, die für ihn leicht zugänglich, kostengünstig und effizient zur Verfügung steht (Codierungsinstrument Kreide). Anhand dessen werden dann Daten generiert. Objekt um Objekt werden nun Inhalte dargelegt, die einen Referenzrahmen schaffen, anhand dessen das Subjekt nun kategorisiert werden kann. In einem ersten Schritt positioniert es sich selbst, da die Anordnung der Objekte Rückschlüsse auf die Person zulassen, befindet sich aber gleichzeitig immer schon in Wechselwirkung mit anderen Subjekten, die das Geschehen beobachten. Das Codierungsinstrument ordnet den Gegenständen feste Kategorien und Orte zu, die sich auch verschieben können, wenn unvorhergesehene Einflüsse von Außen darauf einwirken. Anhand der verschiedenen Beziehungen und durch immer mehr Objekte (Daten) kann ein zunehmend genaueres Bild über die Person, Interessen, zugeschriebenes Geschlecht, Zugehörigkeiten zu unterschiedlichen sozialen Kreisen usw. generiert werden. Das ‘private’ (der Inhalt des Rucksacks) wird nun öffentlich zugänglich und zur Diskussion gestellt. Bewusst tritt das Subjekt nun in Austausch mit den Umliegenden und fordert dazu auf es zu kommentieren, wenngleich es auch, sobald es von anderen gesehen wird, von anderen ohne ihr Zutun kommentiert wird. 

Dies war ein Versuch auf analogem Weg Prozesse der Datengenerierung und gegenwärtige Entwicklungstendenzen im Bereich der zunehmenden Digitalisierung aufzuzeigen wie auch, dass einmal gezeichnete Spuren im System in diesem verbleiben, selbst wenn sie verblassen können und erst durch einwirken von außen (Regen, Wasser) entfernt werden können. Jedoch gilt auch hier, dass ein bewusster Akt des Löschens nötig ist, damit die Spuren verschwinden und auch dafür gibt es keine letztliche Garantie. 

Text: Li Fu

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Zur Person: Einfälle einer* Dilettant*in(*4)

Li Fu interessiert sich für das Politische im Alltäglichen und gesellschaftliche Entwicklungstendenzen der Gegenwart. Besonders die Konstruktion des Alltags und die Betrachtung der Bausteine, anhand welchen Wirklichkeiten konstruiert werden, liegen hierbei im Fokus. In D.I.Y. -Manier wird anhand unterschiedlicher Performances der Versuch unternommen theoretische Konzepte in den Alltag zu überführen. 

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Fußnoten:

1.  Schreiber / _erinnern.at_ (o.J.)

2. Nietzsche 1974, S.8. Siehe dazu auch S. 12 – 16 

3. Siehe dazu auch Moravec 1988

4. Siehe dazu Weber 2011

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Literaturverzeichnis:

Moravec, Hans (1988): Mind children: the future of robot and human intelligence. Harvard Univ. Press: Cambridge, Mass. [et al]

Nietzsche, Friedrich (1974) Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Reclam Verlag: Stuttgart

Schreiber, Horst/ _erinnern.at_ (o.J.): Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis und Gegenwart. Die Intervention am Befreiungsdenkmal 2016.

Weber, Max (2011): Wissenschaft als Beruf. Duncker &  Humblot: Berlin. 

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Edited and first published by Tanja Ostojić on the “Misplaced Women?” Blog 2018/19

This Performance has been released in the frame of: “Misplaced Women?” Workshop by Tanja Ostojić, May 2018, Art in Public Space Tyrol /Kunst in Öffentlichen Raum Tirol, Austria.

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Please visit as well the other contributions and posts from the same workshops:

Review by Tanja Ostojic: Misplaced Women? @ Art-In-Public-Space Tyrol, Innsbruck

Doing Gender Contribution by Li Fu

Open Call for participants for the “Misplaced Women?” performance workshop in the public space with Tanja Ostojić, in Innsbruck, May 11-13 2018, with a presentation in Die Bäckerei

Offene Ausschreibung zur Teilnahme an der “Misplaced Women?” Performance-Kunst-Werkstatt im öffentlichen Raum mit Tanja Ostojić vom 11–13 Mai 2018 in Innsbruck mit einer Aufführung in Die Bäckerei



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